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Rudolf Leonhard: Gelächter

Wir, die wir wissend ins Feld gingen oder im Felde wissen wurden; denn ach so viele, so unzählbar viele waren draußen, ohne noch zu wissen -- wir haben das Lachen verlernt. Es ereignet sich noch, und es mag sich oft ereignen, daß wir auflachen; aber es gehört uns nich zu, ein Fremdes war es, das fremd und brutal aus uns herausfuhr, und wir bleiben sitzen, erschrocken, daß wir doch lachten, und starren dem Lachen, das wir körperkraft als Fremdes uns entfahren meinen, unverständig nach.

Jetzt muß es geschehen, daß unser Geschlecht, ein ganzes Geschlecht, das Lachen verlerne. Es haben ein Ende die heiteren Zeiten. Fühlte nicht jeder, früher und bis heute, daß er zum Zittern schwach wurde, wenn er lachte?

Wir wollen nicht mehr das objektive Lachen. Wir wollen nicht mehr das streichelnde Lachen. Denkt daran, daß nur Kitzeln zum Lachen bringt --- und noch das Lachen verbieten wir, welches tötet, vom milden Lachen und vom behaglichen nicht zu sprechen.

Der Teufel, der ein höllisches Gelächter anschlägt, ist schließlich doch ein guter Teufel, und tritt nachgiebig in den Schwank, um am lachhaften Ende geprellt, als dummer Teufel, zum Gelächter zu stehn. Die Götter vielleicht, die irdischen: neimals aber hat Gott gelacht. Höret die Klänge, auch die hellen, die silbernen, in den Harmonien der Sphären: nicht im klingenden Tanz einmal, niemals gab es Gelächter, über den Zeiten, zwischen den Sternen.

Wunden im Fleische und in der Seele tränen, rot oder silbern; und zum unendlichen Erleiden rufe ich auf. Ich verlange von jedem, daß er wehleidig sei, und daß sich keiner um einen Schmerz betrüge. Das Individuum möge seine Leiden verachten, seine Kränkungen vergessen, seine Schmerzen verhöhnen; es denke aber, daß es zugleich als Repräsentant, als Mitwesen, als Bruder leide. Es leide nicht an seinen Leiden, es möge sich der Varietät noch freuen; aber es leide am Begriff des Leidens, und es leide unheilbar am Typischen seines Leides. Mich quälte --- aber ich achtete es nicht, und es schmerzte nicht; doch mich als Menschen, als Bürger, als Eurer Einen ließen sie oft, und unvergeßbar, schmerzen.

Wir öffnen die Bücher; so seht doch, was sie alles ,,komisch'' finden! Erinnere dich, mein Freund, wie traurig unsre Seele vor der Komik wurde; wie uns das Lustige, dem nichts ferner ist, denn das Heitere, bedrückte; daß wir nie begriffen, warum denn, wo, und wie dieses Schlimme belustigend sei! Sie sprechen von Tragikomödien, und wir begriffen nur das Tragische; und alle mußten und gestehn, daß zumindest die Hälten ungleich seien. Und welcher Schauer weht auf uns aus den Komödien! Sie spielen am Rande der Geister und Gräber; ein barbarischer Geist, eine Seele ohne Ehrfurcht mag sie lustig finden; wir weinten über die Komödien.

Einst durften wir lachen, wenn auf der Szene Funktionäre --- Menschliches passierte; erheiternd waren die Unterhosen des Königs; Korruption befreundete die Einrichtungen ---

Aber wir wollen dies und alles nun ernst nehmen. Wir erinnern uns, daß eine große Zeit, dämonisch von sich selbst besessen, zugrunde ging, da sie sich in ihr eignes Spiel zu tief vertiefte.

Ich predige das schwere Blut; ich predige den Ernst der Ärzte, deren seltenes leichtes Lachen wenig heilsame Täuschung ist. Ich predige, da das Lachen so verächtlich billig wurde --- und nicht um der bärtigen Ernsthaften, nicht um der Plumpen, sondern um der Welt und der Himmel willen --- den beispielhaften Ernst der Kinder. Nicht aus Moral; aber aus Politik.

Es komme das tragische Zeitalter. Schwer laste auf uns die kleinste, lächerlichste Kleinigkeit --- dann mag es später einmal, bald einmal möglich und erlaubt sein, die Welt --- beileibe nicht leicht: aber groß zu nehmen.

 


 

Zeitschriften

"Handeln, nicht schreiben!" lautet ein beliebter Mahnruf derer, die weder eins noch das andere tun. So lachhaft tatsächlich ein zielloses oder nicht wenigstens mittelbar auf Änderung des Bestehenden abzielendes Wortemachen wäre, ein Schreiben um des Schreibens willen, ein Schreiben, das nicht Handeln besagt, - so unentbehrlich wird immerdar zur Verwirklichung eines Ziels dessen Propagation sein. Und das wesentliche Werkzeug der Propaganda (die potentielle Moralität des Films zugegeben) bleibt nun einmal die Sprache. Wer aber außerstande ist, forwährend herumzureisen und Reden zu halten (was übrigens von unserer Seite viel zu wenig geschieht; wir überlassen die oratorische Methode fast ganz den Bürgern), der muß schon federfuxen und drucken lassen.

Allein wo?

In Büchern? Bücher liest man in Deutschland nur, falls sie Zustände beschreiben; nicht falls sie welche bekämpfen. Lyrik, Historie, Psychologie liest man; kaum (in Buchgestalt): Politik, Pamphlete, Forderndes. Man liest Epik, nicht Ethik.

Den Bedarf an Literatur des Seinsollenden deckt dem Gebildeten die Zeitung. Jedes Wort wäre verschwendet über die Flachheit unserer Presse, zumal der 'großen'; eine Flachheit, beiläufig, die durchaus nicht etwa nur aus Unvermögen, sondern auch sehr aus bösem Willen stammt: man möchte es mit dem Pöbel der Inserenten und Inseratleser auf keinen Fall verderben. Der Zynismus des Redakteurs ist beinahe sprichwörtlich; wird er einen einzigen Satz drucken, der herrn Schulze nicht geläufig oder Herrn Cohn nicht genehm wäre? Geist, auch in sparsamsten Dosen, wirkt immer anstößig, und nichts Furchtbareres gibt es für den Redakteur, als etwas zu bringen, was Anstoß erregen könnte. Die Zeitungen führen nicht das Publikum, sondern lassen sich von ihm führen; da es aber besser ist als sie und ganz gern geführt sein will, müssen sie sich stellen, als führten sie's, . . . und so führen sie es obendrein noch an! Eine Zeitung, wie die Dinge gegenwärtig liegen, bedeutet schlechthin eine merkantile, keine geistige Angelegenheit. Wird für den Geist mal Partei ergriffen, so ist das entweder Zufall (also wertlos) oder Berechnung (also von Übel). Starke Persönlichkeiten und Ideen notiert der Journalismus ausnahmslos erst dann, wenn der Verlag materielle Einbuße, erlitte, falls man schwiege. Der Weg des Geistes zu Volk geht nicht, wie es wohl scheinen mag, über die Zeitung; vielmehr geht der Weg des Geistes in die Zeitung über das Volk.

Daß er ans Volk gelange, dafür sind (unter anderm) Zeitschriften da.

Kritik am Betrieb der Zeitschriften zu üben, ist nun deshalb eine heikle Sache, weil man sich die paar Stellen relativer Unabhängigkeit, die überhaupt noch bestehen, dadurch leicht verscherzt. Hinzu kommt, daß in einer Zeitung gegen Zeitschriften schreiben, Verrat wäre; und in einer Zeitschrift . . .? Da müßte denn schon der Verantwortliche so tun, als fühlte just er sich nicht getroffen!

Versuchen wir, das deutsche Zeitschschriftenwesen im Jahrfünft vor dem Kriege (ich rede natürlich nicht von Fachblättern hier, auch nicht vom Journallesekitsch mit und ohne Illustrationen, sondern von Rundschauen und Wochenschriften, die wirklich geistig bestimmten) . . .versuchen wir, dies deutsche Zeitschftenwesen asu einigem Abstand als Ganzes zu sehn, so erschreckt uns ein Bild vollkommener Zerrissenheit. Während sich hier das Ideal etwas darstellen würde als ein disziplinierter Edelkampf zweier, auch dreier oder vier geistiger Parteien -- jede durch eine Zeitschrift vertreten --, herrschte in Wahrheit hoffnungsloseste Anarchie. - Es gab nicht vier, es gab vierhundert Parteien: also keine. Die Pro- und Contra- Orientierungen flossen nur ganz selten aus Idee, meist aus privaten Reibungen. Schriftsteller, die sachlich eng zu einander gehörten, veröffentlichten jeder in einem Organ, welches das des andern bespie; notorische Antipoden fanden sich benachbart, beziehungslos benachbart, in einunddemselben Blatte. Sehr beliebt war auch der Brauch, die eigene Produktion auf Zeitschriften zu verteilen, die sich zerfleischten. Nichts von ideelicher Reinlichkeit, Gefolgschaft, Freundestreue; alles bloß Gewißheit, Zufälle, Verwirrung; alles: riechende Desorganisation!

Die anständigsten Zeitschriften waren . . . Monologe ihrer Herausgeber. Kein Kreis, keine Gruppe, keine Richtung, kein Wille Vieler tat sich da kund, sondern allein die intellektuale Tyrannis eines Einzelnen - dem freilich Größe ein Recht auf Tyrannis verlieh. Mitarbeiter in diesen Blättern gab es gelegentlich, aber sie waren stets irgendwie nur geduldet . . . und zu einer Haltung verurteilt ,,wie der Sterne chor um die Sonne sich stellt". Das Denken des Herausgebers und das Denken des gelegentlich zugelassenen Mitarbeiters deckten sich in Segmenten; was der Zugelassene jenseits des Segments dachte, ward kaum je bewilligt. Selbst der Stil des Denkens, vielmehr gerade der Stil, mußte hartnäckige Kämpfe bestehn, um sich gegen die interne Tyrannei des redigierenden Genies durchzusetzen. Überhaupt pflegt der Verehrende für den Verehrten ein tieferes menschliches Verständnis aufzubringen als der Verehrte für den Verehrenden. Und es bleibt die sicherste Hygiene der Verehrung, sich ihren Gegenstand möglichst vom Leibe zu halten. Zusammenarbeit mit dem Meister läßt den Jünger in ständiger Bedrückung; das erzeugt langsam Galle und führt leicht zu Bruch. Erst neu erworbene Unabhängigkeit gibt dem Verehrenden das alte Gefühl der Verehrung wieder.

Jungem Wollen oft gastfreundlicher waren die ,,vornehmen Monatsschriften"; da nicht der Genius, sondern die (wissende, fähige, gepflegte, gediegene) Mittelmäßigkeit in ihnen das Zepter schwang, so diente weniger Tendenz als Form hier zu Prüfstein. Wer ,,etwas konnte", dem wurden meist die Pforten geöffnet. Diese Relativistik in der Redaktionsführung mag Einzelnen von Nutzen gewesen sein; durchaus auch Einzelnen, die wir bejahen; aber ihr ungleich schwerer wiegender Nachteil war: daß der Zeitschrift auf diese Weise ein Ethos fehlte. Gesinnungen, die sich ausschlossen, immer wieder unverbunden nebeneinandergestellt - das mußte den Leser verwirren .. . . oder jedenfalls in die bekannte bloß-genießerische Disposition versetzen, auf welche stoßend auch das feurigste Manifest ohne wirkliche Wirkung bleibt. Nicht der akademische, maßvolle, strenge, abgeklärte, jener berüchtigte ,,vornehme" Ton unserer ,,vornehmen" Monatsschriften war das Fatale; sondern der Grund, aus welchem dieser Ton sich garnicht vermeiden ließ - : finden in einem Raum beliebig viele Programme Platz, so müssen sie, soll das Trommelfell des Eintretenden nicht arg gefährdet werden, sich schon auf sanfte und zurückhaltende Weise vortragen. In Blättern, die weit ärmer an Programmen, dafür reich an Programm sind, stellt sich der frischere Tonfall von selbst ein.

An solchen Blättern war gerad in der letzten Zeit hierzulande kein Mangel. Wir hatten die peripherischen Wochenschriften der ,,Jüngsten", die Organe des künstlerischen und kulturpolitischen ,,Radikalismus". Fast alle, die das Schrifttum der nächsten Zukunft repräsentieren, kamen hier erstmalig zu Wort; es ist das unbestreitbare Verdienst jener Zeitschriften, den Fortschritt des öffentlichen Geistes, richtiger: die Öffentlichkeit von Fortschritten des Geistes, ermöglicht zu haben; ohne diese Blätter wäre jedwedes geistig-Neue in der Enge des Individuums beschlossen geblieben; nirgends wäre es in Fluß geraten, nie wäre Strömung entstanden. Aber Programmatik allein tut es nicht; es kommt am Ende auf das Was an und auf den Tiefegrad. In den erwähnten Wochenschriften, die meist famos begannen, wüteten bald Seichtheit, Kleinlichkeit und fader Frivolismus; ihre Herausgeber, verkrachte Zirkusreiter oder verkrachte Musikgenies, gänzlich philosophie-frei und manchmal sogar ohne bedingendste Bildungsvorstufe, pflegten, sowie sie sich selbst überlassen waren, eine Revolutionarität um der Revolution, nicht um der Verwirklichung willen, einen öden und blöden Protestsport, einen lächerlichen Stil substanzlosen, dabei giftigen Gepolters. . . und kompromittierten so jede echte Empörer-Regung, jede Aktion wahrhaft Junger, jeden Sturm wirklich Kühner. In der Intrige, so groß wie in der Ignoranz, verstanden sie's zudem, jene Ersteren, deren Hilfe ihre Blätter erst lebensfähig gemacht hatte, aus ihren Kreisen fortzugraulen; und schließlich blieb nur tumultuarische Knirpfigkeit übrig, deren Kampf oft weniger der Kunst, der Gesellschaft, dem Staate galt als (aber ohne dahingehende Absicht) - der Syntax. Kleine Tyrannen exekutierten einen Formalismus des Neinsagens, der nichtmal Form hatte.

Blätter von Rang, neben den besprochenen, waren wohl vorhanden, aber sie gravitierten nach Denkpunkten von bloß partikulärer Wichtigkeit. An Gegenständen wie Mutterschutz, Graphik, Bodenreform, Schaubühne, Erkenntnistheorie läßt universalischer Geist sich schwer vollziehen.

Zu wünschen, nein: zu fordern, nein: zu verwirklichen wäre eine Zeitschrift, die nicht Selbstgespräch eines Gipfels, sondern Sprachrohr einer wollenden Gemeinschaft ist; von einem großen weder noch einem kleinen Tyrannen geleitet, dafür von einem Vertrauensmann; nicht spezialisiert, aber bei aller Universalheit doch konturiert; frei von dem schwächlichen Ehrgeiz, einen ,,Überblick" über ,,das Geistesleben" ,,der Zeit" zu ,,bieten", vielmehr einseitig bis in die Knochen und programmatisch. Wild, doch ernst; heiter, doch gründlich. Brausen der Jugend und Zielstrebigkeit des Mannes; göttliche Mitte zwischen Genie und Disziplin. Kundgebungen eines ehernen Bundes der Besten; auf der Standarte: Umgestaltung der Welt nach dem Befehl der Idee! Ein Keil ins Gegebne, eine Phalanz; keine Rund-Schau: ein Aufbruch.

---Kurt Hiller

 


 

Anti-Barbarus

Eine Erscheinung, die um der verzweifelten Hartnäckigkeit ihres Auftretens, um ihres Pathos, um ihrer unermüdlich herausgerufenen Selbstzufriedenheit willen komisch wäre, wäre das Pathos nicht so ekelhaft und die Selbstzufriedenheit nicht so aufdringlich, ist das Preß- und Stammtischwort von den Barbaren -- als welche immer die anderen, die Feinde gemeint sind -- und das von den Kulturbringern -- als welche natürlich die jeweiligen ,,Wir" verstanden werden. Beispiele von denen jenseits der deutschen Linien zu bringen, erübrigt sich hier, sie sind ja jeden Tag in unserer Presse nachzulesen und die journalistischen Delegierten der öffentlichen Meinung in London, Paris und Rom sind sicher einander würdig. Andererseits ist es auch nicht die Absicht, mit der Fülle angesammelten Materials ernsthaft der deutschen Presse die gleiche Sünde vorzuhalten, die sie von der anderen Seite so empört zu berichten weiß. Mehr und mehr verzichtet man darauf, Schreibern, die die Konjunktur des Tages ausnutzen, ernsthaft zu antworten. Es gilt jenes weise und zuversichtliche Wort, welches sagte, daß ein Vierteljahr nach dem Kriege die meisten sich dessen schämen werden, was sie während des Krieges gesprochen und geschrieben haben, und damit für die Kriegsdauer einen Zustand proklamierte, in der man der Narrheit ungehindert ihr Lärmen lassen muß.

Es gibt nun aber eine Anzahl sonst achtbarer Schriftsteller, die uns neuerdings Tag für Tag in der Zeitung beweisen, daß wir keine Barbaren seien. Nun soll in diesem Zusammenhang nicht untersucht werden, ob so heterogene Bestandteile wie die, die eine Nation ausmachen, auf eine so gemeinsame Formel wie ein ,,Wir" überhaupt gebracht werden können. Auch mag es beiseite gelassen werden, ob es geschmackvoll ist, sich jeden Abend unterm Strich seine Vorzüge zu quittieren. Hier soll nun Einspruch erhoben werden gegen eine beliebte Methode, mit deren hilfe die Behauptung unseres Richtbarbarentums immer bewiesen sein will, während ihre Beispiele mit der Frage ,,Barbar oder nicht?" gar nichts zu schaffen habe.

Julius Bab brachte in einem Zeitungs-Feuilleton unter dem Titel ,,Allerlei Barbaren" folgende Eindrucke:

,,Ein D-Zug, der durch die Lüneburger Heide rollt. Ich stehe im Gang und schaue aus dem Fenster. Soldaten allerlei Art wimmeln auf dem Korridor: Verwundete, Urlauber, Rekruten. Plötzlich tritt ein hochgewachsener Sanitäter auf mich zu: ob wir nicht im literarischen Seminar bei Professor Hermann zusammen waren? -- Es stimmt, und nun kreuzt unser Gespräch seltsam zwischen Krieg und Gemanistik. Der Sanitäter, der eigentlich Privatdozent in Göttingen ist, fährt nach Oldenburg: ,,Da lebt übrigens ein ausgezeichneter Mann -- kennen Sie den Wisser, der die prachtvollen plattdeutschen Märchen herausgegeben hat?" Ich frage, was für ein Platt das sei? Mein Sanitäter ist sich über die Heimat Wissers nicht ganz klar. Plötzlich tritt ein großer Grenadier, Schmisse im Gesicht und den Arm in der Binde, auf uns zu, und nach militärischem Gruß sagt er: ,,Ich höre, daß Sie von Wisser sprechen. Der ist in Eutin geboren. Ich bin nämlich auch Germanist." Und nun ist das literarische Kolloquium fertig. Ich bin der einzige Zivilist dabei.

,,Ein Brief aus einem Lazarett in Belgien: ,,Ich lese Ihre Besprechung der neuen Shakespeare-Übersetzung, in der Sie das Wort neu angekindet eine wahnsinnige Neubildung nennen. Sie sind im Irrtum: das alte deutsche Recht kannte die Ankindung; sie war etwa daß, was wir heute Adoption nennen. Es handelt sich also...."

,,Was die künstlerische Möglichkeit dieses also historisch nachweisbaren Wortes betrifft, so hat mein Korrespondent nicht recht. Aber solchen wissenschaftlichen Eifer in belgischen Lazaretten zu finden -- das ist gar sehr recht."

Gleiches Erfassen des Begriffes ,,Barbaren" spricht aus dieser Zeitungsnotiz:

,,Wir ,Barbaren' und die Wissenschaft. Man schreibt uns: ,,Als Seitenstück zu dem Würzburger Rechtsanwalt, von dem jüngst an dieser Stelle berichtet wurde, daß er in einer von uns besetzten französischen Stadt eine kirchenhistorische, äußerst wichtige Handschrift photographierte, kann ein junger Charlottenburger Student gelten, von dem die Letzte Nummer des ,,Deutschen Philologenblattes" berichtet. Es ist dies der ehemalige Abiturient der Charlottenburger Oberrealschule (Leibniz-Schule) Hans Niggemann. Als Gefreiter in einem Pionierbataillon entwarf er kürzlich, mit dem Eisernen Kreuz geschmückt, in der Aula der Anstalt ein ebenso lebensvolles wie in seiner schlichten Einfachheit der Darstellungen wirkungsvolles Bild von den Kämpfen, die sein Truppenteil zu bestehen hatte. Dem jungen Krieger war aus einer besondernen Veranlassung Urlaub in die Heimat gewährt worden. Beim Ausheben eines Laufgrabens an der Aisne fand er zufällig allerlei Tonscherben und bronzenes Kleingerät, und bald entdeckte er, daß er ein ausgedehntes Gräberfeld aus dem vierten Jahrhundert v. Chr. vor sich habe. Jede dienstfreie Stunde benutzte er, unbekümmert um die feindlichen Kugeln dazu, den kostbaren Fund zu bergen. Der Hauptmann seiner Kompagnie brachte dem wissenschaftlich wertvollen Funde in Feindesland ebenfalls ein reges Interesse entgegen. Ihm verdankt der tapferer Pionier einen Urlaub von vierzehn Tagen, um die Ausgrabungen wohlverpackt in Kisten hierherzuschaffen und dem Museum für Völkerkunde zu Aufstellung zu übergeben."

Ja, gehört denn Kultur, gehört Anti-Barbarei zu den Angelegenheiten des Intellekts, des Erlernbaren? Hat jemand dadurch, daß er von den rechtsgeschichtlichen Kollegs noch weiß, was ,,Ankindung" ist, und in seiner Lazarett-Langeweile schleunigst seine Berichtigung schickt, wirklich nun sein Nichtbarbarentum bewiesen? Schließlich haben wir ja die allgemeine Wehrpflicht, die die Angehörigen aller Berufe bindet. Und daß ein Germanist (mit ,,Schmissen", wie festgestellt wird, wohl nur, um unser volles Vertrauen in seine freudige Bereitwilligkeit, Blut fließen zu machen, nicht durch das nachfolgende wissenschaftliche Gespräch erschüttern zu lassen), daß ein Germanist, der in der Eisenbahn Angehörige seines Studiengebietes trifft, mit ihnen über eien plattdeutschen Dichter spricht, beweist sein Kulturtum ebensowenig, es sei denn: die Begriffe Kultur und Gelehrsamkeit deckten sich.

Ist aber Barbarei nicht vielmehr eine vom Abiturientenexamen unabhängige Tatsache der Gesinnung schlechthin? Und meinen dies nicht auch die auf der andern Seite, wenn sie die Deutschen ,,Barbaren" schelten? Nämlich nicht, daß wir auf dem Gebiet des Erlernbaren hinter den andern zurückständen, sondern daß die Deutschen in ihrer Beziehung zum andern Menschen abgestumpft seien? Das ist natürlich in Bausch und Bogen ebenso unsinnig wie das Gegenteil, weil eben eine Summe von räumlich, wirtschaftlich, selbst sprachlich Verbundenen nicht auf ein gemeinsam ethisches Werturteil zu bringen ist. --

Ich denke in diesem Zusammenhang an eine Erzählung der ,,Nationalzeitung" von einer Dame aus Wiener Militärkreisen, in der von ertrunkenen Serben -- die auf jeden Fall nicht weniger als die gefallenen Oesterreicher und Deutschen für ihr Vaterland starben -- wie von ersoffenen Schweinen gesprochen wird, denke an einen telegraphischen Bericht des ,,Berliner Tageblattes" demzufolge der Wiener Vize-Bürgermeister ,,unter stürmischen Beifall" gesagt hatte: als er im vorigen Jahre dem Präsidenten von Frankreich vorgestellt sei, habe er nicht geahnt, einen Schurken die Hand gedrückt zu haben.

Nein, Barbarei hat mit der Fähigkeit ein öffentliches Amt gut oder schlecht zu bekleiden, nichts zu tun, auch nicht mit dem Sammeln von Handschriften oder prähistorischen Funden. Alles das kann man tun und lassen und doch ein Kulturmensch sein, alles das kann man tun und lassen und doch ein Barbar sein.

---Bernhard Reichenbach

 

29.6.16 10:37


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Walt Whitman-Gedichte von Traum und Tat -1-

Der mystische Trompeter

 

1.

Horch, welch wilder Musikant, welch seltsamer Trompeter
Unsichtbar heute nacht in Lüften schwebt und tolle Weisen schmettert.
 
Ich höre dich, Trompeter, scharf lauschend vernehm ich dein Spiel,
Jetzt um mich strömend, wirbelnd wie ein Sturm,
Jetzt leise, unterdrückt, jetzt in der Ferne verloren.

2.

Komm näher, Körperloser, vielleicht erklingt in dir
Ein toter Komponist, vielleicht erdrückte dich
Ein hohes Streben, ungeformtes Wollen,
Chaotisch drängten sich Klangwogen, Ozeane stiegen,
Daß nun dein Geist ekstatisch sich mir neigt und dröhnend schütternd
seine Rhythmenflut
Vertrauensvoll in meine, meine Ohren gießt,
Daß ich sie übersetze.

3.

Blase, Trompeter, frei und hell, ich folge,
Und wie dein Vorspiel heiter froh verfließt,
Schwindet die fressende Welt, die Straßen, die lärmenden Stunden
des Tags,
Heilige Stille senkt sich wie Tau auf mich nieder,
Ich wandle in kühl erfrischender Nacht die Pfade des Paradieses,
Mir duftet das Gras, die feuchte Luft und die Rosen;
Dein Lied entfaltet den starr gefesselten Geist - befreit mich, läßt
mich los,
Ich schwimme wohlig im Himmelssee.

4.

Blas nur, Trompeter! und vor die sehnden Augen
Stell mir die alten Heiden, bring die feudale Welt.
Was Zaubers wirkt dein Spiel! es tauchen vor mir auf
Längst tote Herrn und Damen, Barone in ihren Schlössern, die
Troubadoure singen,
Gewappnet ziehn Ritter dem Unrecht entgegen oder suchen den
heiligen Gral;
Ich sehe Turniere und Streiter in schwerer Rüstung auf knirschenden
Rossen,
Ich höre das Jauchzen, das Dröhnen von Hieben und Stichen;
Ich sehe der Kreuzzugsheere Getümmel - horch, wie die Zimbeln
schallen,
Sieh dort den Zug der Mönche mit hoch erhobenem Kreuz.

5.

Blas nur, Trompeter! und zum Thema
Nimm nun das Thema, das alle einschließt, lösend und bindend,
Liebe, den Takt der Welt, den Trost und die Tränen,
Mannes und Weibes Herz mit nichts als Liebe,
Kein andres Thema als Liebe - knüpfende hegende allüberschwem-
mende Liebe.
 
O wie die unsterblichen Wesen sich um mich drängen!
Ich sehe den großen Vergaser ewig tätig, ich kenne die Flammen,
die Heizer der Welt,
Glut und Röte, pochende Herzen der Liebenden,
So selig manche, und manche so still, dunkel, nahe dem Tode;
Liebe, außer der Liebenden nichts ist - Liebe, die Zeit und Raum
überwindet,
Liebe, die Tag und Nacht ist - Liebe, die Sonne und Mond ist
und Sterne,
Liebe in Scharlach und Üppigkeit, duftkranke Liebe,
Keine Worte als Worte der Liebe, kein andres Denken als Liebe.

6.

Blas nur, Trompeter - beschwöre den Krieg.
Schnell rollt deinem Ruf ein murrendes Beben wie ferner Donner,
Sieh, die Bewaffneten eilen - sieh durch geballten Staub das
` Glitzern der Bajonette,
Da Kononiere finsteren Blicks, und jetzt der rosige Blitz aus dem
Rauch, ich höre den Krach der Geschütze;
Nicht Krieg allein - dein furchbares Lied, wilder Spieler, bringt
jegliches Schreckensgesicht,
Taten ruchloser Räuber, Plünderung, Mord - ich höre die Hilfe-
schreie!
Ich sehe scheiternede Schiffe auf hoher See, gewahre auf Deck und
unter Deck die gräßlichen Szenen

7.

Trompeter, mir ist ganz, als spieltest du auf mir,
Du schmelzest Herz und Hirn - rührst sie und ziehst und wandelst
sie nach Laune;
Und jetzt erfüllt dein dumpfes Tönen mich mit Finsternis,
Du raubst das muntre Licht und jedes Hoffen,
Ich sehe die Getretnen, Unterjochten, Leidenden, Gedrückten des
ganzen Erdenrunds,
Ich fühle meines Geschlechts Demütigung und maßlose Schmach, sie
wird die meine,
Mein und die Empörung der Menschheit, der Schimpf der Jahr-
hunderte, die zu Schanden gemachten Fehden und Wüte,
Völlige Niederlage lastet auf mir - alles verloren - der Feind
triumphiert,
(Doch in den Trümmern steht wie ein Riese der Stolz,ungebrochen
zum Äußersten
Geduld, entschlossenheit zu Äußersten.)

8.

Trompeter, nun zum Ende
Gewähre höhere Weise als bisher,
Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen,
Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft,
Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
 
O froher, jauchzender, gipfelnder Sang!
Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt,
Siegsmärsche - der entjochte Mensch - der Überwinder,
Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen - lauter Lust!
Die Menschheit neugeboren - die Welt vollkommen, lauter Lust!
Frauen und Männer gefund, unschuldig, weise - lauter Lust!
Lachende rauschende Feste strotzend voll mit Lust!
Krieg, Elend, Kummer fort - Erde von Fäulnis rein - Lust ein-
zig übrig!
Die Meere lusterfüllt - die Lüfte lauter Lust!
Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Über-
schwang des Lebens!
Genug das bloße Sein! Genug zu atmen!
Lust! Lust! Überall Lust!
 

Helle Mitternacht

Dies ist dein Stunde, o Seele, die freie Flucht ins Wortlose,
Weg von Büchern, weg von Kunst, der Tag gelöscht, der Unter-
richt aus,
Hebst du dich völlig empor, schweigend,schauend,deine liebsten Gegen-
stände betrachtend,
Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.
 

Wandl ich durch die breit majestätischen Tage -

 

Wandl ich durch die breit majestätischen Tage des Friedens,
(Denn der Krieg, der Blutstreit ist aus, und du, o grauenvolles Ideal,
Nach ruhmvollem Sieg gegen gewaltige Übermacht,
Folgst nun deiner Bahn, bald aber vielleicht dichteren Kriegen zu,
Vielleicht um bald in furchtbarere Kämpfe und Nöte zu treten,
Längere Feldzüge und Krisen, der Arbeit vor allen andern,)
So höre ich um mich den Lärm der Welt, Politik, Produktion,
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik,
Das erfreuliche Wachstum der Städte, die Flut der Erfindungen.
 
Ich sehe die Schiffe (sie dauern ein paar Jahre,)
Die gewaltigen Fabriken mit Werkführern, Arbeitern,
Und höre all das akzeptiert und hab nichts dagegen.
 
Doch auch ich verkünde gediegene Dinge,
Politik, Wissenschaft, Technik, Schiffe, Städte, Fabriken sind nicht nichts,
Wie ein gewaltiger Zug, der Musik ferner Signale zuströmend, im
Siegerschritt und Herrlicheres vor Augen,
Ersetzen sie Wirklichkeiten - alles ist, wie es sein soll.
Nun meine Wirklichkeiten;
Was sonst ist so wirklich wie meines?
Freiheit und göttliche Ausgleichung, jedes Sklaven Erlösung auf dem
Antlitz der Erde,
Die entzückten Verheißungen und Lichtgebilde der Seher, die geistige
Welt, zeitentrotzend diese Gesänge,
Und unsre Gesichte, die Gesichte der Dichter, die gediegensten An-
kündigungen von allen.
 

Staub toter Soldaten

Staub toter Soldaten, ob Freunde ob Feinde,
Wie ich rückwärts sinne und in Gedanken ein Lied summe,
Stellt sich der Krieg wieder ein, stellt eure Gestalten vor mich,
Stellt den Marsch der Armeen wieder her.
 
Geräuschlos wie Nebel und Dünste,
Heraus aus ihren Gräbern in Gräben,
Aus Friedhöfen in ganz Virginien und Tennessee,
In jeglicher Himmelsrichtung aus zahlosen Gruben hervor,
In schwebenden Wolken, großen Kolonnen, Gruppen selbzweit und
dritt oder vereinzelt kommen sie an,
Und sammeln sich schweigend um mich.
 
Nun keinen Ton, ihr Trompeter,
Nicht an der Spitze meiner Kavallerie die mutigen Rosse getummelt,
Im Schimmer gezogener Säbel, mit Karabinern am Bein, (oh,
meine wackern Reiter!
Schöne Reiter mit Lohe im Antlitz! was führtet ihr für ein Leben,
Stolz in Wagnis und Lust.)
 
Keinen Tjon auch, ihr Trommler, nicht bei der Reveille im Morgen-
graun,
Nicht den langen Wirbel zum Lageralarm, selbst nicht gedämpften
Trauerschall,
Nichts von euch diesmal, o Trommler, die ihr mein Kriegstrommeln
truget.
Abseits aber von diesen und den Märkten des Glücks und der wan-
delnden Menge,
Zieh ich eng Kameraden zu mir, nicht gesehn von den andern und stumm,
Die Erschlagnen, die sich erheben und noch einmal leben, lebend ge-
wordenen Staub und Trümmer,
Und ich singe den Sang meiner stillen Seele im Namen aller toten
Soldaten.
 
Bleiche Gesichter mit staunenden Augen, sehr liebe Freunde, tretet heran,
Dicht zu mir, doch redet nicht.
 
Gespenster zahlloser Verlornen,
Unsichtbar den andern werdet künftig meine Gefährten,
Begleitet mich immer - verlaßt mich nicht, solange ich lebe.
 
Hold sind die blühenden Wangen der Lebenden - hold der melodische
Klang redender Stimmen,
Doch hold, ach hold sind die stummen Augen der Toten.
 
Meine Gefährten, alles ist aus und lange vorbei,
Doch Liebe ist nicht aus, Freunde - und welche Liebe!
Duft, der von Schlachtfeldern steigt, aus dem Gestank sich erhebt.
 
Durchdufte meinen Gesang, Liebe, unsterbliche Liebe,
Gib mir das Gedächtnis der toten Soldaten zu baden,
Sie einzukleiden und süß zu salben und ganz zu decken mit zarter Pracht.
 
Durchdufte alle - mach alle heil,
Mach diesen Staub nährend und blühend,
Löse sie alle, Liebe, und mache sie fruchtbar mit feinster Chemie.
 
Gib mir Unerschöpflichkeit, mach mich zum Quell,
Daß ich Liebe aushauche, wo immer ich gehe, gleich ewig frischem Tau,
Für den Staub aller toten Soldaten, ob Freunde ob Feinde.
 

Jahre des Modernen

Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern
andre Nationen bereit,
Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse,
die Gemeinschaft der Rassen,
Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
(Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind
die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links
vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
Iche sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratieen zertrümmert,
Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern
verschwinden
Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
Nie war der Druchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen
Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den
Welthandels-Kriegsmaschinen,
Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder
zu einer Geographie;
Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter
den Meeren durch?
Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern,
Kronen verdüstern,
Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen
heiligen Krieg,
Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage
und Nächte;
Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und um-
sonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um
mich,
Diese unglaublich Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieber-
träume, o Jahre!
Eure Träume, o Jahre, wie durchbohren sie mich! (ich weiß nicht,
schlaf ich oder wach ich
Das fertige Amerika und Europa verglimmen, fallen schattenhaft
von mir ab,
Das unfertige, riesenhafter als je, dringt auf mich, dringt auf mich ein.
29.6.16 10:36


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