Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren


http://myblog.de/daubehubba

Gratis bloggen bei
myblog.de





Walt Whitman-Gedichte von Traum und Tat -1-

Der mystische Trompeter

 

1.

Horch, welch wilder Musikant, welch seltsamer Trompeter
Unsichtbar heute nacht in Lüften schwebt und tolle Weisen schmettert.
 
Ich höre dich, Trompeter, scharf lauschend vernehm ich dein Spiel,
Jetzt um mich strömend, wirbelnd wie ein Sturm,
Jetzt leise, unterdrückt, jetzt in der Ferne verloren.

2.

Komm näher, Körperloser, vielleicht erklingt in dir
Ein toter Komponist, vielleicht erdrückte dich
Ein hohes Streben, ungeformtes Wollen,
Chaotisch drängten sich Klangwogen, Ozeane stiegen,
Daß nun dein Geist ekstatisch sich mir neigt und dröhnend schütternd
seine Rhythmenflut
Vertrauensvoll in meine, meine Ohren gießt,
Daß ich sie übersetze.

3.

Blase, Trompeter, frei und hell, ich folge,
Und wie dein Vorspiel heiter froh verfließt,
Schwindet die fressende Welt, die Straßen, die lärmenden Stunden
des Tags,
Heilige Stille senkt sich wie Tau auf mich nieder,
Ich wandle in kühl erfrischender Nacht die Pfade des Paradieses,
Mir duftet das Gras, die feuchte Luft und die Rosen;
Dein Lied entfaltet den starr gefesselten Geist - befreit mich, läßt
mich los,
Ich schwimme wohlig im Himmelssee.

4.

Blas nur, Trompeter! und vor die sehnden Augen
Stell mir die alten Heiden, bring die feudale Welt.
Was Zaubers wirkt dein Spiel! es tauchen vor mir auf
Längst tote Herrn und Damen, Barone in ihren Schlössern, die
Troubadoure singen,
Gewappnet ziehn Ritter dem Unrecht entgegen oder suchen den
heiligen Gral;
Ich sehe Turniere und Streiter in schwerer Rüstung auf knirschenden
Rossen,
Ich höre das Jauchzen, das Dröhnen von Hieben und Stichen;
Ich sehe der Kreuzzugsheere Getümmel - horch, wie die Zimbeln
schallen,
Sieh dort den Zug der Mönche mit hoch erhobenem Kreuz.

5.

Blas nur, Trompeter! und zum Thema
Nimm nun das Thema, das alle einschließt, lösend und bindend,
Liebe, den Takt der Welt, den Trost und die Tränen,
Mannes und Weibes Herz mit nichts als Liebe,
Kein andres Thema als Liebe - knüpfende hegende allüberschwem-
mende Liebe.
 
O wie die unsterblichen Wesen sich um mich drängen!
Ich sehe den großen Vergaser ewig tätig, ich kenne die Flammen,
die Heizer der Welt,
Glut und Röte, pochende Herzen der Liebenden,
So selig manche, und manche so still, dunkel, nahe dem Tode;
Liebe, außer der Liebenden nichts ist - Liebe, die Zeit und Raum
überwindet,
Liebe, die Tag und Nacht ist - Liebe, die Sonne und Mond ist
und Sterne,
Liebe in Scharlach und Üppigkeit, duftkranke Liebe,
Keine Worte als Worte der Liebe, kein andres Denken als Liebe.

6.

Blas nur, Trompeter - beschwöre den Krieg.
Schnell rollt deinem Ruf ein murrendes Beben wie ferner Donner,
Sieh, die Bewaffneten eilen - sieh durch geballten Staub das
` Glitzern der Bajonette,
Da Kononiere finsteren Blicks, und jetzt der rosige Blitz aus dem
Rauch, ich höre den Krach der Geschütze;
Nicht Krieg allein - dein furchbares Lied, wilder Spieler, bringt
jegliches Schreckensgesicht,
Taten ruchloser Räuber, Plünderung, Mord - ich höre die Hilfe-
schreie!
Ich sehe scheiternede Schiffe auf hoher See, gewahre auf Deck und
unter Deck die gräßlichen Szenen

7.

Trompeter, mir ist ganz, als spieltest du auf mir,
Du schmelzest Herz und Hirn - rührst sie und ziehst und wandelst
sie nach Laune;
Und jetzt erfüllt dein dumpfes Tönen mich mit Finsternis,
Du raubst das muntre Licht und jedes Hoffen,
Ich sehe die Getretnen, Unterjochten, Leidenden, Gedrückten des
ganzen Erdenrunds,
Ich fühle meines Geschlechts Demütigung und maßlose Schmach, sie
wird die meine,
Mein und die Empörung der Menschheit, der Schimpf der Jahr-
hunderte, die zu Schanden gemachten Fehden und Wüte,
Völlige Niederlage lastet auf mir - alles verloren - der Feind
triumphiert,
(Doch in den Trümmern steht wie ein Riese der Stolz,ungebrochen
zum Äußersten
Geduld, entschlossenheit zu Äußersten.)

8.

Trompeter, nun zum Ende
Gewähre höhere Weise als bisher,
Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen,
Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft,
Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
 
O froher, jauchzender, gipfelnder Sang!
Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt,
Siegsmärsche - der entjochte Mensch - der Überwinder,
Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen - lauter Lust!
Die Menschheit neugeboren - die Welt vollkommen, lauter Lust!
Frauen und Männer gefund, unschuldig, weise - lauter Lust!
Lachende rauschende Feste strotzend voll mit Lust!
Krieg, Elend, Kummer fort - Erde von Fäulnis rein - Lust ein-
zig übrig!
Die Meere lusterfüllt - die Lüfte lauter Lust!
Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Über-
schwang des Lebens!
Genug das bloße Sein! Genug zu atmen!
Lust! Lust! Überall Lust!
 

Helle Mitternacht

Dies ist dein Stunde, o Seele, die freie Flucht ins Wortlose,
Weg von Büchern, weg von Kunst, der Tag gelöscht, der Unter-
richt aus,
Hebst du dich völlig empor, schweigend,schauend,deine liebsten Gegen-
stände betrachtend,
Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.
 

Wandl ich durch die breit majestätischen Tage -

 

Wandl ich durch die breit majestätischen Tage des Friedens,
(Denn der Krieg, der Blutstreit ist aus, und du, o grauenvolles Ideal,
Nach ruhmvollem Sieg gegen gewaltige Übermacht,
Folgst nun deiner Bahn, bald aber vielleicht dichteren Kriegen zu,
Vielleicht um bald in furchtbarere Kämpfe und Nöte zu treten,
Längere Feldzüge und Krisen, der Arbeit vor allen andern,)
So höre ich um mich den Lärm der Welt, Politik, Produktion,
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik,
Das erfreuliche Wachstum der Städte, die Flut der Erfindungen.
 
Ich sehe die Schiffe (sie dauern ein paar Jahre,)
Die gewaltigen Fabriken mit Werkführern, Arbeitern,
Und höre all das akzeptiert und hab nichts dagegen.
 
Doch auch ich verkünde gediegene Dinge,
Politik, Wissenschaft, Technik, Schiffe, Städte, Fabriken sind nicht nichts,
Wie ein gewaltiger Zug, der Musik ferner Signale zuströmend, im
Siegerschritt und Herrlicheres vor Augen,
Ersetzen sie Wirklichkeiten - alles ist, wie es sein soll.
Nun meine Wirklichkeiten;
Was sonst ist so wirklich wie meines?
Freiheit und göttliche Ausgleichung, jedes Sklaven Erlösung auf dem
Antlitz der Erde,
Die entzückten Verheißungen und Lichtgebilde der Seher, die geistige
Welt, zeitentrotzend diese Gesänge,
Und unsre Gesichte, die Gesichte der Dichter, die gediegensten An-
kündigungen von allen.
 

Staub toter Soldaten

Staub toter Soldaten, ob Freunde ob Feinde,
Wie ich rückwärts sinne und in Gedanken ein Lied summe,
Stellt sich der Krieg wieder ein, stellt eure Gestalten vor mich,
Stellt den Marsch der Armeen wieder her.
 
Geräuschlos wie Nebel und Dünste,
Heraus aus ihren Gräbern in Gräben,
Aus Friedhöfen in ganz Virginien und Tennessee,
In jeglicher Himmelsrichtung aus zahlosen Gruben hervor,
In schwebenden Wolken, großen Kolonnen, Gruppen selbzweit und
dritt oder vereinzelt kommen sie an,
Und sammeln sich schweigend um mich.
 
Nun keinen Ton, ihr Trompeter,
Nicht an der Spitze meiner Kavallerie die mutigen Rosse getummelt,
Im Schimmer gezogener Säbel, mit Karabinern am Bein, (oh,
meine wackern Reiter!
Schöne Reiter mit Lohe im Antlitz! was führtet ihr für ein Leben,
Stolz in Wagnis und Lust.)
 
Keinen Tjon auch, ihr Trommler, nicht bei der Reveille im Morgen-
graun,
Nicht den langen Wirbel zum Lageralarm, selbst nicht gedämpften
Trauerschall,
Nichts von euch diesmal, o Trommler, die ihr mein Kriegstrommeln
truget.
Abseits aber von diesen und den Märkten des Glücks und der wan-
delnden Menge,
Zieh ich eng Kameraden zu mir, nicht gesehn von den andern und stumm,
Die Erschlagnen, die sich erheben und noch einmal leben, lebend ge-
wordenen Staub und Trümmer,
Und ich singe den Sang meiner stillen Seele im Namen aller toten
Soldaten.
 
Bleiche Gesichter mit staunenden Augen, sehr liebe Freunde, tretet heran,
Dicht zu mir, doch redet nicht.
 
Gespenster zahlloser Verlornen,
Unsichtbar den andern werdet künftig meine Gefährten,
Begleitet mich immer - verlaßt mich nicht, solange ich lebe.
 
Hold sind die blühenden Wangen der Lebenden - hold der melodische
Klang redender Stimmen,
Doch hold, ach hold sind die stummen Augen der Toten.
 
Meine Gefährten, alles ist aus und lange vorbei,
Doch Liebe ist nicht aus, Freunde - und welche Liebe!
Duft, der von Schlachtfeldern steigt, aus dem Gestank sich erhebt.
 
Durchdufte meinen Gesang, Liebe, unsterbliche Liebe,
Gib mir das Gedächtnis der toten Soldaten zu baden,
Sie einzukleiden und süß zu salben und ganz zu decken mit zarter Pracht.
 
Durchdufte alle - mach alle heil,
Mach diesen Staub nährend und blühend,
Löse sie alle, Liebe, und mache sie fruchtbar mit feinster Chemie.
 
Gib mir Unerschöpflichkeit, mach mich zum Quell,
Daß ich Liebe aushauche, wo immer ich gehe, gleich ewig frischem Tau,
Für den Staub aller toten Soldaten, ob Freunde ob Feinde.
 

Jahre des Modernen

Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern
andre Nationen bereit,
Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse,
die Gemeinschaft der Rassen,
Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
(Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind
die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links
vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
Iche sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratieen zertrümmert,
Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern
verschwinden
Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
Nie war der Druchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen
Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den
Welthandels-Kriegsmaschinen,
Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder
zu einer Geographie;
Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter
den Meeren durch?
Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern,
Kronen verdüstern,
Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen
heiligen Krieg,
Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage
und Nächte;
Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und um-
sonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um
mich,
Diese unglaublich Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieber-
träume, o Jahre!
Eure Träume, o Jahre, wie durchbohren sie mich! (ich weiß nicht,
schlaf ich oder wach ich
Das fertige Amerika und Europa verglimmen, fallen schattenhaft
von mir ab,
Das unfertige, riesenhafter als je, dringt auf mich, dringt auf mich ein.
29.6.16 10:36
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung